Raumfahrt knt on 31 Dec 2006
Europa auf dem Weg zur ISS
Läuft bei der NASA 2007 alles wie geplant, bringt ein Spaceshuttle das europäische Weltraumlabor Columbus zur ISS. Mit an Bord bei dieser wichtigen Mission ist der deutsche Astronaut Hans Schlegel. WDR.de fragt, wie er sich vorbereitet.
Nach dem Absturz der Columbia-Fähre im Februar 2003 wusste niemand bei NASA oder ESA wann und ob das europäische Weltraumlabor Columbus zur Internationalen Raumstation ISS fliegt. Mittlerweile sieht die Situation wieder besser aus: In einer riesigen Kraftanstrengung hat die NASA ihre veralteten Shuttles überholt. Vier erfolgreiche Missionen haben die Spaceshuttles seit dem August 2005 absolviert, mit weiteren 13 Flügen soll die Raumstation bis 2008 fertig gestellt sein. Läuft alles nach Plan, dann bringt die Raumfähre “Discovery” das Weltraumlabor Columbus im Oktober zur ISS. Zur Crew der Mission STS-122 gehört auch der deutsche Astronaut Hans Schlegel. Er wird bei voraussichtlich drei Weltraumspaziergängen das Labor an der ISS anbringen.

ESA-Astronaut Hans Schlegel
WDR.de: Kann man sagen, dass Ihre Mission mit dem Namen STS-122 eine der wichtigsten beim Aufbau der ISS ist?
Hans Schlegel: Jeder Shuttle-Flug ist wichtig für den Aufbau der Raumstation. Wenn er nicht oder abgeändert stattfindet, dann hat das Folgen für den nächsten Flug. Mit unserer Mission wird die ISS aber tatsächlich zur internationalen Raumstation. Die Module auf der ISS, in denen Menschen leben können, stammen bislang nur aus den USA und aus Russland. Columbus wird das erste internationale Modul sein, wenige Monate später kommt das japanische Modul an. Dann haben auch wir die Fähigkeit und die Kapazität wissenschaftliche Versuche in dem Maße durchzuführen, wie wir das eigentlich geplant haben. Hoffentlich können wir kurz danach die Bemannung von drei auf sechs Astronauten aufstocken. Neben den Erhaltungsarbeiten auf der Raumstation - man könnte sagen den Hausastronauten-Arbeiten bleibt dann mehr Zeit für Experimente. Mit Columbus haben wird 24 Stunden lang die Möglichkeit, mit einem hoch entwickelten Forschungslabor Experimente durchzuführen.
WDR.de: Gehört es zu Ihren Aufgaben, das Columbus-Modul an der ISS zu befestigen?
Hans Schlegel: So einfach kann man das nicht sagen. Das Columbusmodul wird in der Ladebucht des Shuttles zur ISS hochgebracht. Es ist fast sieben Meter lang, fast fünf Meter im Durchmesser und zehn Tonnen schwer. Das werde ich oder ein anderer Astronaut natürlich nicht anpacken und aus dem Laderaum herausheben. Das macht der Roboterarm, der ist für die schweren Lasten zuständig. Wir müssen zunächst während eines EVAs (Extra-vehicular Activity englisch für Weltraumspaziergang) alles vorbereiten für das eigentliche Anschrauben. Dann kommt der Arm und bringt - hoffentlich in guten Zustand das Modul an die dafür vorgesehne Stelle, den Node 2. Danach beginnt das eigentliche Festschrauben.

Ein Roboterarm der ISS wird das Weltraumlabor aus dem Bauch der Discovery hieven.
WDR.de: Wie bereiten Sie sich auf Ihre Mission vor?
Hans Schlegel: Wir haben täglich acht bis zehn Stunden unsere Trainingseinheiten. Da denkt man an die Wiederholung von Handgriffen. Aber in der Regel ist es viel banaler: Wir sitzen im Klassenraum und bekommen Unterricht, wie die einzelnen Phasen des Fluges vorgesehen sind. Natürlich gibt es auch die praktischen Trainingseinheiten, dazu gehören beispielsweise Shuttle-Simulationen. Das ist dann wirklich üben, wie das Shuttle startet, mit allen möglichen Fehlern, die eingespielt werden und nicht nur einfach sondern doppelt und dreifach. Für die Außenbordeinsätze hat ein intensives EVA-Training begonnen. Wir steigen dafür in einen Raumanzug und arbeiten - nicht in der Schwerelosigkeit - sondern unter Wasser.
WDR.de: Die NASA hat sich dazu durchgerungen, die ISS fertig zu bauen. Inzwischen haben die Amerikaner ganz andere Interessen und wollen ab 2018 ihre eigene Mondstation bauen. Bremsen solche Pläne Ihre Motivation bei Aufbau der ISS?
Hans Schlegel: Überhaupt nicht. Die Initiative, die die amerikanisch Regierung vor zweieinhalb Jahren gestartet hat, ist eine Langzeitperspektive. Wir bauen die ISS nicht zum Selbstzweck sondern in einem größerem Rahmen, in dem wir die Erkenntnisse benutzen, um weiter Exploration zu betreiben. Und da ist der Mond der erste Schritt, um die Fähigkeiten, die wir entwickelt haben, auch auf einem anderen Himmelskörper einzusetzen. Es kann unter den gegenwärtigen politischen Randbedingungen etwas anders aussehen, aber ich bin überzeugt davon, dass wir nur eine realistische Chance für die Exploration im All haben, wenn wir das international betreiben. Es ist jetzt schon ganz klar gesagt worden: Die ESA ist herzlich eingeladen, sich an dem Mondprogramm zu beteiligen. Die USA wissen, dass sie auf die Europäer bei der Verwirklichung des Programms angewiesen sind. und auch bei der ESA ist es kein Geheimnis, dass diese Beteiligung stattfinden wird.
Die Frage ist, wie stark die Nutzung der Raumstation negativ davon beeinflusst wird. Es ist wahr, dass der Schwerpunkt der NASA darauf liegt, die Raumstation auszubauen und dann an der Infrastruktur zur Erforschung des Mondes weiterzuarbeiten. Das heißt aber nicht, dass die Forschung auf der Raumstation eingestellt wird. Ganz im Gegenteil: Die Forschung von der amerikanischen Seite konzentriert sich darauf, das, was sie für die weitere Exploration brauchen - das sichere Überleben der Astronauten - zu erforschen. Die europäische Seite, und da bin ich sehr froh, plant unter anderem medizinische und biologische Forschung sowie Grundlagenforschung auf der ISS. Ich bin überzeugt, dass wir noch viele Überraschungen erleben werden, was wir auf der Raumstation alles machen können.

Hans Schlegel hat 1996 auch im Juri-Gagarin-Trainingscenter in Moskau trainiert
WDR.de: Sie arbeiten seit acht Jahren bei der NASA in Houston. Insbesondere durch Ihre Tätigkeit als Verbindungssprecher zwischen der Bodencrew in Houston und ISS-Crew waren Sie in Gedanken sicherlich schon oft auf der ISS. Kommen Sie an einen Ihnen wohlbekannten Ort, wenn Sie im Oktober an die ISS andocken?
Hans Schlegel: Ja das stimmt, all das, woran man so intensiv gearbeitet hat, kann man dann ganz handfest erleben und selbst eine wichtige Rolle spielen, im weiteren Aufbau und in der Nutzung. Auf der anderen Seite hatte ich bisher erst einen Raumflug und bin noch nicht ausgestiegen. Während der Mission werde ich drei von vier Ausstiegen machen so ist das zumindest bis jetzt geplant. Das ist auch eine gewisse Aufregung und Anspannung. Wird man die Vorbereitung effektiv nutzen? Wird man gut genug sein, um all diese Herausforderungen zu erfüllen?
Wir haben ja die Ehre, das europäische Modul zur ISS zu bringen. Und ich vertrete in der amerikanischen Crew die europäische Seite. Es ist eine Mischung: Einerseits die Freude aufs nach Hause kommen auf der ISS und andererseits die Anspannung, dass wir zusammen ein Unternehmen starten, das sehr anspruchsvoll ist, das Herausforderungen für uns haben wird, auf die wir gut vorbereitet sein müssen.

Die ISS, wie sie zur Zeit um die Erde kreist


