Galileo, das europäische Satelliten-Navigationsprojekt, will nicht so recht starten. Jetzt hat die EU-Alarm geschlagen. Bis zum 10. Mai soll das für den Aufbau verantwortliche Industrie-Konsortium seine Handlungsfähigkeit demonstrieren.
Der Blick ins All im Mai
Mit ach und krach schickten die Europäer im Dezember 2005 den ersten Testsatelliten “Giove A” ins All. Nur so konnten sie die für das System reservierten Frequenzen überhaupt besetzen. Der zweite Testsatellit “Giove B”, der die für das System so wichtige hochpräzise Atomuhr im All testen wird, sollte schon längst im All sein. Aber “Giove B” steht noch am Boden, unter anderem weil ein Kondensator im Bordcomputer defekt ist.

Trotz Hürden: Europäer bauen Navigationssystem auf
Diese technischen Verzögerungen sind nur ein kleiner Teil der Hürden, die die Europäer auf ihrem Weg zu einem eigenen Satellitennavigationssystem überwinden müssen. Schwerwiegender ist, dass Finanzierung und Leitung des Projekts noch immer nicht in trockenen Tüchern sind. Denn zu dem bei einem EU-Projekt üblichen Gerangel der einzelnen Staaten um Standorte und Aufträge sitzen bei Galileo noch Industriefirmen mit im Boot. Geplant war, dass ein Betreiberkonsortium im Rahmen einer Private Public Partnership (PPP) den Aufbau und Betrieb des Navigationssystems von 2008 an übernimmt. Die aus acht Firmen bestehende Gesellschaft kam zwar zustande, ist aber bislang handlungsunfähig, weil die Beteiligten alle Entscheidungen einstimmig treffen müssen und sich nicht auf einen “Chief Executive Officer”, einen Geschäftsführer, einigen können.
Ulitmatum bis zum 10. Mai
Ursprünglich sollten die 30 Satelliten des Navigationssystems schon 2008 ihre Arbeit aufnehmen. Mittlerweile sind die Beteiligen froh, wenn sie das System bis 2011 ins All bringen können. Um den Knoten endlich aufzulösen, machen EU-Kommissar Jacques Barrot und - im Rahmen der europäischen EU-Ratspräsidentschaft - Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee Druck: Bis zum 10. Mai muss die Betreibergesellschaft funktionieren, andernfalls wird die EU über ein anderes Konzept für den Aufbau und Betrieb von Galileo nachdenken. Bis zu diesem Datum bleibt es offenbar spannend: “Wir haben am Mittwoch vom Betreiber-Konsortium einen Brief mit einer Stellungsnahme erhalten, die wir jetzt prüfen werden”, sagt Michele Cercone, Sprecher von EU-Kommissar Barrot und kann noch keine Auskunft geben, wie sich die Dinge entwickeln.

30 Satelliten sollen für eine präzise Navigation sorgen
Ulrich Theis, Leiter des Fachprogramms Navigation beim DLR (Deutsches Zentrum für Luft und Raumfahrt) in Bonn ist froh, dass durch das Ultimatum endlich Bewegung in das Großprojekt kommt: “Es laufen derzeit hochrangige Gespräche, ob die öffentliche Seite den Aufbau der Infrastruktur stärker mitfinanziert. Das wäre dann ähnlich wie im Straßenverkehr: Der Bau der Straßen wird von der öffentlichen Hand getragen, die Privatwirtschaft baut die Fahrzeuge für die Verbraucher.” Ganz gleich, welchen Weg die EU in den nächsten Wochen einschlägt, Theis hofft, dass Finanzierung und Aufbau von Galileo endlich auf eine solide Basis gestellt werden.
Trockenübungen auf der Erde
Die potenziellen Nutzer des Navigationssystems stehen in den Startlöchern und werden langsam ungeduldig. Damit sie den Empfang der Daten schon jetzt ausprobieren können, ließ das DLR Bonn die gesamte Umgebung von Berchtesgaden in ein riesiges Navigationstestfeld umwandeln. Sechs Sendemasten wurden auf Berggipfeln installiert und senden genau die Signale, die später von den 30 Galileo-Satelliten aus 23.000 Kilometern Höhe kommen. Seit kurzem läuft der Großversuch, voraussichtlich ab September können Firmen und Universitäten die Signale testen.
Günter Heinrichs, Projektleiter der Firma Ifen, die den Großversuch im Auftrag des DLR ausführt, sagt, wer ab September Empfangsgeräte im Berchtesgadener Land ausprobieren wird: “Wir werden zum Beispiel Nutzer haben, die Fußgängernavigation für Blinde testen, Rettungsdienste, vor allem aus dem Bereich der Bergrettung, Paragleitschirmflieger und Betreiber von Schienenfahrzeugen.”
Konkurenz holt auf
Von den Vorteilen, die Galileo eines Tages gegenüber dem derzeit existierenden amerikanischen System GPS (Global Positioning Sytem) haben soll, ist Heinrichs überzeugt. Das Galileo-Signal wird etwas stärker sein als das GPS-Signal. Die Navigation wird damit in Häuserschluchten, im Wald oder in Bergtälern wesentlich verbessert. Galileo wird ein kostenloses Standardsignal mit einer Genauigkeit von bis zu vier Metern und ein zentimetergenaues kostenpflichtiges Präzisions-Signal senden. Außerdem erfährt der Empfänger dieses kostenpflichtigen Signals ständig, wie zuverlässig seine Angaben sind. Im Falle einer Störung wird er innerhalb von sechs Sekunden gewarnt. Zeit genug für einen Piloten, der mit Galileo zum Landeanflug ansetzt, auf eine andere Navigation umzustellen. Die ständigen Verzögerungen bereiten dem Ingenieur Günter Heinrichs jedoch Sorgen, denn die Konkurrenz der Europäer schläft nicht. Die Amerikaner haben angekündigt, dass sie 2009 ihr GPS-System erneuern werden, und auch das russische Navigationssystem GLONASS (Globales Navigations-Satelliten-System) soll modernisiert werden. “Noch haben wir einen technischen Vorsprung mit unserem System. Aber den verlieren wir immer mehr.”
Streit um Satellitensystem Galileo [Aktuelle Stunde 08.05.07; 2′58]