Als sie die Tür öffnet, steht sie in einem weißen Gang. Lampen werfen halogenhelles Licht an die weißen Decken, Wände und Fußböden. Ähnlich einer Million kleiner Sonnen, deren Licht dazu verdammt ist immer wieder reflektiert zu werden, um dann endlich in den Tunnel ihrer Augen zu fallen und sich in ihrer Netzhaut fest zu brennen. Unsere Heldin schließt einen Moment die Augen, blinzelt. Tag und Nacht haben hier drin keine Bedeutung mehr, sind nicht existent.

Die Luft ist heiß und trocken. Die Lüftung rauscht in gewohnter Lautstärke vor sich hin, erscheint ihr ein vertrautes Lied zu singen.

Ihre Schuhe machen auf dem gummiartigen Fußboden ein quietschendes Geräusch, als sie sich auf den Weg zu ihrer Waschkaue macht. Von oben erklingt das Tröten einer Hupe, das ihr sagt das das Band angelaufen ist.

Sie zieht die Tür auf, die bunt beklebt ist mit den verschiedenen Kontaktinfos für Fahrgemeinschaften, und betritt den Herrschaftsbereich der weiblichen Umkleide. Ein Gähnen unterdrückend ruft sie ein fröhliches “Guten Morgen” in die Runde derer, die sich fertig machen für den Countdown. Wie immer bekommt sie ein paar Worte zurück, fröhlich und weniger fröhlich. Die einen sind zerknittert vom Vorabend, die anderen einfach nur gut drauf. Der Wechsel ist stätig. Da sie keine Uhr trägt macht sie die Uhrzeit an der Anwesenheit der anderen fest. Die eine ist schon fort, die andere kommt gerade, ein paar unterhalten sich träge… sie ist früh dran.

Sie schließt ihren Spinnt auf und schlüpft in ihre Latzhose. Irgendjemand hat gesagt die Klamotten hätten einen Flair von “Mao” und so assoziiert sie sich im Spiegel immer als kleine Chinesin im kommunistischen Outfit. Der Vergleich hat etwas, hat sie für sich entschieden.

Die langen Haare zwängt sie in einen ordentlichen Zopf, der sie ein bisschen wie eine Gouvernante im Landschulheim aussehen lässt. Aber wer wird denn an Aussehen denken, wenn er arbeitet. Sie streckt sich kurz die Zunge raus, um dem strengen Blick im Spiegel zu entgehen.

Der Weg zum Band führt sie vorbei an den Warenkörben. Die Vorschicht ist noch immer in Aktion. Hastig befüllen sie die Regale auf Rädern, die man hier Warenkörbe nennt, so wie einen Wagen im Supermarkt. Doch wirklich viel hat das eine mit dem anderen nicht zu tun.

Unsere Heldin wendet den Blick nach oben und registriert die Anzahl der an der Decke schwebenden Fahrzeuge. In weißen Greifarmen schweben die Karossen beinahe lautlos über den Menschen darunter. Sie betrachtet die Anzahl im skeptischen Blick und runzelt leicht die Stirn. Der Puffer ist beinahe leer.

Einem Gabelstapler ausweichend erreicht sie die Treppe und trabt widerstrebend nach oben. Die Arbeitsgeräusche werden deutlicher und nun steht sie auf dem Treppenabsatz und schaut sich um. Direkt vor ihr hängen die Greifarme, ein jeder mit einem Wagen darin, noch ohne Räder, aber schon mit einem Motor. Der erste Wagen ist hoch genug und sie wandert unter ihm hindurch, immer mit dem Gefühl sprungbereit zu sein, falls das Ding doch hinunterfahren sollte. Eine Reihe weiter hängen ein paar ausgeschleuste Fahrzeuge. An ihnen schlängelt sie sich vorbei und ist am Band. Holzfurnierte Fläche bewegt sich gegen ihre eingeschlagene Richtung. Ein Radio läuft. Der alte Schlager lässt ihren Gang sich unwillkürlich an den Takt anpassen und sie summt leise vor sich hin.

Die Karossen liegen hier auf sogenannten “Skits”.Ein Skit ist eine Art Podium, das sich computergesteuert auf und ab bewegt. Das sieht ein bisschen gespenstisch aus. Je nachdem woran die Einzelnen gerade arbeiten, hebt und senkt sich der Wagen auf den verschiedenen Abschnitten des Bandes. Jeder Abschnitt ist ein Takt. Jeder Takt ein Arbeitsschritt zu einem fertigen Auto.

Sie nickt den anderen Latzhosenträgern im Vorbeigehen zu, manchmal lächelt sie, manchmal wird sie angelächelt. Auf dem Band kämpfen sie noch um ihre Stückzahl. Ein paar erhitzte Gesichter zeigen, daß man im Stress ist.

In der Mitte der beiden sich einander entgegengesetzt bewegenden Bänder blickt sie hinauf zu der Schautafel. Die zeigt nicht die Fussballergebnisse, was so manchen ihrer Kollegen ein wenig betrübt, auch nicht die neuen Aktienkurse, weil hier ja keiner der Manager rumlungert. Das Fußvolk kann darauf seine Leistung und die Uhrzeit ablesen. Mit leicht zusammengekniffenen Augen erkennt sie das das Soll noch lange nicht dem Ist entspricht. Scheinbar hat irgendeine Maschine gezickt. Beinahe unwillkürlich zuckt sie die Achseln. Sie weiß aus Erfahrung das dies der Fall ist, denn an den Arbeitern selbst liegt es im Normalfall nicht. Wenn das Band läuft wird für sie kein Fahrschalter gedrückt. Sie sehen zu das sie irgendwie die Kurve bekommen und ihre Takte einhalten.

Das Band steht für die Maschinen. Die dürfen krank sein, im Gegensatz zu den Arbeitern. Bei den Maschinen kommen Spezialisten, stehen davor und machen ernste Gesichter. Ernste und sehr wichtige Gesichter.

Aber der Gedanke geht ihr nur flüchtig durch den Kopf. Sie überquert das nächste Band und betritt ihren Teamraum. Der Teamraum ist ein Gebilde aus durchsichtigen Wänden ohne Dach. Man sitz wie in einem Glaskäfig. Aber das er oben offen ist nützt wenig, weil man ja nicht fliegen kann. Das Glas ist extra schalldämmend. Das nützt leider nichts, weil der Raum ja kein Dach hat. Die Geräusche fallen einfach ungedämmt durch die Decke. Die Leute geben oftmals auf miteinander zu reden. Zumal wenn sie auf entgegengesetzten Ecken des Raumes sitzen. Irgendwann beschließt ein jeder, das der Spaß sich gegenseitig an zu schreien, sich in Grenzen hält. Die Bildzeitung liegt aufgeschlagen auf einem der Tische. Dichtgedrängt und kuschelig sitzt man in der Pause aufeinander.

Doch sie ist die erste, zumindest sieht es so aus. Die Taschen der Vorschicht lehnen an den Tischbeinen und ein paar Becher stehen noch herum.
Ein Kaffeerand und ein paar Flecke sind angetrocknet und geben dem unwirklichen Umfeld einen Hauch von Realität.

Author: Kathy